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Nur noch sektorale HeilpraktikerInnen?

Heilpraktikerberuf abschaffen?
Expertengruppe aus Münster entfacht erneut die Debatte: Evidenzbasierte Medizin vs. unwissenschaftliche Gedankenwelt
05.09.2017
Wie schon öfter in der Vergangenheit bietet der Beruf des Heilpraktikers in den letzten Wochen Anlass für ausgiebige Diskussionen. Doch statt den in regelmäßigen Abständen auftauchenden Schlagzeilen in der Boulevard-Presse („Berauschte Heilpraktiker in der Heide“) ist diesmal eine Expertengruppe aus Nordrhein-Westfalen die Ursache der Debatte.

Der im letzten Jahr gegründete „Münsteraner Kreis“, ein interdisziplinäres Gremium von Ärzten, Experten für Alternativmedizin, Versorgungsforschung und Medizinethik, hat im August ein Positionspapier zur aktuellen Situation des Heilpraktikerwesens veröffentlicht. Darin werden insbesondere die Art der Ausbildung und die verwendeten Krankheitskonzepte der Heilpraktiker kritisiert.

So sei die Ausbildung der Heilpraktiker zwar staatlich geregelt, stünde aber in starkem Gegensatz zu medizinischen Berufen, da sie nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen basiere. Auch der Umfang der "Ausbildung" (in Wirklichkeit: Vorbereitung zur Prüfung) von ca. 6 Monaten sei beispielsweise im Vergleich zum Medizinstudium unverhältnismäßig.

Seit der Gründung erforscht die Expertengruppe nicht nur die Inhalte und Arbeitsgrundlagen der Heilpraktiker, sondern auch die Motivation von Patienten, einen Heilpraktiker aufzusuchen. Dabei spielen laut dem Münsteraner Kreis auch die Krankenkassen eine bedeutende Rolle. Diese würden die Maßnahmen der Heilpraktiker auch ohne nachgewiesene Wirksamkeit unterstützen (z.B. Globuli & Co.) und die Anwendung erwiesenermaßen wirksamer Arznei- (oder Heilmittel!) unter Regressandrohungen erschweren.

Als Ursache für das Vertrauen in den Berufsstand des Heilpraktikers sehen die Experten die starke Rationalisierung und den Zeitmangel in konventionellen Arztpraxen. Im Gegensatz dazu hätten die Heilpraktiker einen weitaus geringeren wirtschaftlichen und vor allem zeitlichen Druck bei der Patientenversorgung.

Die Autoren beschreiben in ihrem Memorandum als Konsequenz zwei verschiedene Lösungsansätze:
Abschaffungslösung: Vollständige Abschaffung des Heilpraktiker-Berufes
Kompetenzlösung: Heilpraktiker-Ausbildung nur für Angehörige von Gesundheitsfachberufen mit staatlicher Ausbildung und nur begrenzt auf deren Kompetenzbereich (z.B. Physiotherapie-Heilpraktiker)

Die Reaktion der Heilpraktiker auf die Kritik des Münsteraner Kreises ließ nicht lange auf sich warten. Der Dachverband deutscher Heilpraktiker (DDH) zeigte sich enttäuscht von der mangelnden Kommunikationsbereitschaft der Gruppierung. Nach Ansicht der Heilpraktiker bestehe insbesondere im Berufsalltag eine gute Zusammenarbeit der beiden Berufsgruppen. Durch den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit sehen die Heilpraktiker nicht nur ihren eigenen, sondern auch den der Fachärzte für Alternativmedizin geschädigt.

Auch unter den Heilmittelerbringern sorgt der Kontrast zwischen Evidenzbasierung und „therapeutischer Realität“ immer wieder für Gesprächsstoff. Bleibt abzuwarten, ob die Diskussion in Zukunft auch auf der politischen Ebene weitergeführt wird.

Ca.Hei./physio.de